Lebens­čĽëfragen

Was w├╝rde ich tun, wenn heute der letzte Tag meines Lebens w├Ąre?

Auf jeden Fall nicht zur Arbeit gehen.

Meinen Morgenspaziergang machen, mit Bandhu, meinem Herzenshund.

Ich w├╝rde gut Fr├╝hst├╝cken und einen Kaffee trinken, Fr├╝hst├╝cken ist mir stehtÔÇÖs das Wichtigste.

Die Ruhe des beginnenden Tages genie├čen und mir bewusst machen, heute tue ich tats├Ąchlich alles zum letzten Mal.

Mit Sicherheit tue ich es mit einer gro├čen Traurigkeit, aber vielleicht ist da auch ein Quentchen Hoffnung, dass die ewigen Querelen des Lebens dann vorbei sind. Das das Nachdenken ein Ende hat und mein Geist Frieden finden wird. Das ich in mir selbst ruhen werde k├Ânnen und ├ängste keine Rolle mehr spielen.

Auch muss ich mich k├╝mmern, was mit meinen beiden Katzen geschehen wird. Sie sind so sch├Ân und sanft, sie werden schnell neue Menschen finden, die sie gut behandeln.

Ich w├╝rde daf├╝r sorgen, dass mein Geld in die H├Ąnde derer kommt, die es brauchen.

Meine Br├╝der w├╝rde ich mit einem Brief bedenken, ich w├╝rde ihnen schreiben, wie mein Leben war, was ich dachte und hoffte. Ihnen die Weisheit, die ich ihnen nun voraus habe mitgeben.

Ich w├╝rde meine Freunde zu einem Abendessen bitten, w├╝rde kochen wie ich es immer tue, vielleicht dieses Mal mit besonderer Sorgfalt, es ist schlie├člich auch mein letztes Mahl. Vielleicht w├╝rden wir zusammen spielen, vielleicht auch ÔÇ×nurÔÇť reden.

Sp├Ąt am Abend und kurz vor Ablauf meiner Uhr, w├╝rde ich mich ihnen anvertrauen und sie bitten mich zu begleiten, bei mir zu sein.

W├╝rde sie dann in die Lage versetzen, mit den Medikamenten umgehen zu k├Ânnen, die mein Sterben erleichtern, sollte es zu belastenden Symptomen kommen.

Ich w├Ąre traurig, sehr sogar, w├╝rde weinen und w├Ąre verzweifelt. Denn die Aussicht, sie alle nicht mehr wiederzusehen ist ├Ąu├čerst schade, zerrei├čt mir schier das Herz.

Ach was ich vergessen habe, wahrscheinlich h├Ątte ich an dem Tag Sex, mit Gewissheit sogar. Dieses Gef├╝hl ein letztes Mal zu genie├čen, ist doch wohl ein Muss!

In der ganzen ├ťberlegung um meinen Tod spielt irgendwie mein Lebensgef├Ąhrte keine Rolle, oder nur eine kleine. Es liegt daran, dass ich glaube, dass er ohne mich ein besseres Leben haben wird. Er hat es nicht leicht mit mir. Ich w├╝nsche, mir heute umso mehr, ich k├Ânnte ihm das geben was er braucht und ich w├╝nsche mir so sehr nicht so schwach und abh├Ąngig zu sein. Ich k├Ânnte gehen, ohne Schuldgef├╝hl, ohne Scham und in der Idee versagt zu haben. Nicht falsch verstehen, ich will um Himmels Willen jetzt nicht gehen. Will k├Ąmpfen f├╝r ihn und f├╝r mich. Ich liebe diesen Mann, so unterschiedlich wir auch sind. Mein Tod w├Ąre f├╝r mich der Weg, ihm seine Freiheit wiederzugeben, von der ich glaube, dass ich sie ihm jetzt nehme. Weil ich manchmal so hilflos bin und angewiesen, auf seine wohlwollende Haltung und Meinung und ihn das wahrscheinlich einengt und anstrengt.

Nat├╝rlich w├Ąre er da, er w├Ąre eng an meiner Seite und ich w├Ąre dankbar f├╝r die Zeit mit ihm und ich wei├č, er liebt mich … auf seine ganz eigene Art, wie jeder auf seine Art liebt. Trotz der K├╝rze der Zeit die wir uns kennen, gibt es ein Band – ein zaghaftes, d├╝nnes, aber rei├čfestes – unsichtbar wie ein Nylonfaden. Es verbindet uns etwas von dem wir bis dato noch nicht wissen, was es ist. Jedoch sp├╝ren wir es beide und wir f├╝hlen uns ganz nah. Ich w├╝nschte, jetzt wo ich es so sehr sp├╝re, seine N├Ąhe zu mir, seine Liebe in mir und f├╝r mich – ich k├Ânnte die Zeit anhalten.

Und meine Freunde w├Ąre da, sie w├╝rden bequem sitzen – um mich herum – wir w├╝rden reden, vielleicht habe ich die Kraft auch nicht mehr zu reden, dann h├Âre ich eben nur zu. Es w├╝rde mich beruhigen, ihre Stimmen zu h├Âren, es w├Ąre so vertraut, in meinem Zuhause alles zu haben, was mein Leben ausmacht, was ich liebe ­čĺĽ.

Ich m├Âchte nicht, dass sie betreten schweigen. Sie sollten sein, wie sie halt immer sind, mit der Gewissheit, dass mich zu begleiten der gr├Â├čte Wunsch ist, den sie mir noch erf├╝llen k├Ânnen. Vielleicht kann ich ja auch noch etwas f├╝r sie tun, vielleicht ist noch etwas nicht gesagt, sie sollen den Mut haben mir in dieser und gerade in dieser Situation offen gegen├╝ber zu treten.

Wenn ich dann einschlafe, die Augen geschlossen, der H├Ârsinn extrem gesch├Ąrft, vernehme ich jedes Wort. Langsam verschwimmen sie, manchmal kommt mir noch ein einzelnes klares Wort ins Ohr. Ich kann aber den Sinn nicht mehr erfassen. Aber es beruhigt mich, ihr Reden. Sie ber├╝hren mich, fassen meine H├Ąnde, streicheln mein Gesicht, ├╝ber meine Haare. Eine Tr├Ąne f├Ąllt auf mein Gesicht, sie ist warm, sie ist vertraut.

Langsam merke ich, wie ich abgleite. Wie ich in dieser Welt mein Dasein verliere, mich eine andere Welt in Empfang nehmen will. Sie ist nicht dunkel, sie ist warm, voll Hoffnung und G├╝te. Ich merke, wie die Last meines Lebens, die Sorgen, die Gedanken von mir abfallen, wie alles weich wird und sich entspannt. Meine letzten Gedanken gelten denen, die ich jetzt wiedersehen werde, die auf mich warten, die mich lieben, genauso wie die, die ich jetzt verlasse. Ich bin nicht mehr traurig, ich bin froh und mit diesem Gef├╝hl – ein letzter Atemzug – verlasse ich diese Welt.

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