…ad astra…

… am, 20.5.20 um 18.45 Uhr hat mein Vater die Augen zu gemacht.

Mein Neffe, kommt aus Berlin. Er kam genau in dem Augenblick, als er seine letzten Atemzüge nahm.

Mit der Unterstützung der Palliativmedizin konnte mein Vater sein Leben würdevoll beenden. Und er konnte zu Hause sein.

Ich konnte Abschied nehmen, solange ich wollte. Die Nacht blieb er bei mir. Ihn zu sehen und zu fühlen, verschafft mir die Möglichkeit, das Konstrukt des Todes zu begreifen.

Ein langes Leben ist zu Ende, nun ist er wieder zusammen, mit denen die er liebte. Und ich bin überzeugt davon, er liebte seine Frau, trotz ihrer Art zu sein.

Ich sitze und schaue alte Fotos, es berührt mich, in die jungen Gesichter meiner Eltern zu sehen, sich selbst zu erkennen in einem Blick, in einer Geste, in der naiven Freude der Jugend.

Langsam begreife ich die Tragweite des Ganzen, es gibt keine Eltern mehr, keine familiäre Nähe, keinen Austausch von Sorgen und Nöten eines alten Menschen. Es gibt kein Kümmern mehr, kein immer wieder dieselben Fragen stellen, kein erklär es mir bitte noch einmal. Es gibt nicht mehr das sich Aufregen über die Kleinigkeiten des Alltags, keine Gespräche mehr über die Zukunft und das Gestern. Ich höre nicht mehr die immer gleichen Geschichten seiner Jugend. ES IST VORBEI.

Gestern habe ich ihn noch einmal besucht, aufgebahrt. Ein toter Mensch verändert sich, immer mehr, je länger das Ableben zurück liegt. Ich erkenne in ihm natürlich meinen Vater. Aber seine Seele, das was ihn ausgemacht hat, ist nicht mehr da. Er ist kalt, unnatürlich kalt – kommt ja auch aus einem Kühlraum. Er ist schön, so unendlich zerbrechlich, so fragil. Ich weine, um ihn, um mich, um alle die ich habe bereits gehen lassen müssen. Versuche mindestens dreimal zu gehen und kehre wieder um. Berühre ihn noch einmal, schaue noch einmal genau hin, präge mir ein.

…möget ihr euch unbeschwert wiedersehen…

ICH GEBE ihm etwas mit. Es ist der Stein, den ich meinem Lebensgefährten beim Sterben auf den Körper gelegt habe und der ihn bis zu seiner Einäscherung begleitet hat. Er stand nun bis zum Sterben meines Vaters an sein Bild gelehnt. Nun wird es seine Grabbeigabe. Ich sehe den Stein in der Hand meines Vaters, berühre ihn ein letztes Mal. Die Hand mit dem Stein. Schweren Herzens gehe ich.

Und ICH NEHME etwas von ihm mit. Ich entscheide mich dafür, seinen Fingerabdruck auf ein Schmuckstück prägen zu lassen. Ich freue mich darauf und darüber, nicht nur ein Teil zu sein von ihm, sondern auch etwas von ihm behalten zu können. Es tröstet mich ein wenig.

Letzten Endes stelle ich fest, dass wir Menschen – oder vielleicht nur ich – Wünsche haben, das Leben festzuhalten, es einmalig zu gestalten, ihm Sinn zu geben und wir schaffen es nicht uns aus dem alten Trott zu lösen. Wir bleiben wie wir sind, trotz der Gewissheit , dass wir endlich sind.

Nach jedem Sterben wird die Welt ruhiger, sie wird farbenfroher, zeigt viel mehr ihr Antlitz, sonst verborgen unter Alltag und Stress. Ich glaube, das ist es, was ich genießen und sehen sollte.

Seit 6 Jahren begleite ich nun nach und nach meine Familie in den Tod, ich möchte das nicht mehr, meine Kraft ist erschöpft. Ich muss mich regenerieren, brauche eine Kraftquelle. Möchte nicht mehr in diesen Strudel der Depression versinken. Versuche positiv zu sein, zu lächeln, mich trotzdem zu engagieren, auch wenn es schwer fällt. Ich möchte leben und zwar mit Elan und Zuversicht. Ich möchte stolz sein können, auf das was ich geleistet habe und mit einem Lächeln auf die zurückblicken, die ich gehen lassen musste. Möchte mich orientieren an dem Hier und Jetzt.

Wie man im Buddhismus sagt, ich möchte nicht anhaften. Loslassen bringt Freiheit und Zufriedenheit. Ich kann ja auch nichts an der Wahrheit ändern, nur akzeptieren, dass es so ist.

3 Kommentare zu „…ad astra…

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