…plötzlich am Ende angekommen…

…ich sitze in der Palliativstation am Bett meines Vaters.

Am Samstag haben wir noch, wie jede Woche, zusammen Kaffee getrunken und Erdbeerkuchen gegessen. Geredet und Pläne gemacht. Er ist extra früher gegangen, weil er uns noch Zeit geben wollte – damit wir unsere Wohnungsrenovierarbeiten weiter machen können. Er hat gesagt, ich brauche heute nicht nochmal vorbeischauen.

Gegen 20.30 Uhr rief uns sein Hausnotruf an, er ginge seit 40 min nicht ans Telefon. Das sei ungewöhnlich, sagte der junge Mann. Allerdings.

Wir haben uns sofort ins Auto gesetzt und sahen schon von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Die Jalousien waren noch oben, er lässt sie immer gegen 18 Uhr runter. Beim Aufschließen, war noch nicht abgeschlossen, auch das unüblich.

Und dann lag er da, vor der Couch auf dem Boden. Noch ansprechbar, aber ohne Sprache und halbseitig gelähmt. Er konnte mich verstehen, aber nichts sagen.

Schnell den Notarzt gerufen, mir war aber bereits klar, das gibt nichts mehr. Das war irreversibel.

2 Stunden später wusste ich, dass er eine so große Blutung im Hirn hat, dass an ein „normales“ Leben nicht mehr zu denken ist.

Ich höre in meinem Kopf seine Worte, denke an unsere vielen Gespräche über das Sterben. Ihn nicht am Leben zu halten, wenn das Leben keins mehr ist, das war sein Wunsch.

Es ist schwer, jemanden gehen zu lassen, obwohl er bereits auf dem Weg ist.

Meine Entscheidung, er kommt zu mir nach Hause und wird dort in Ruhe sterben können. Auch wenn es nur für 24 h ist, er wird nicht in einem Krankenhaus sterben.

Er schläft die überwiegende Zeit, aber meine Idee teile ich ihm mit, er öffnet die Augen, er hört was ich sage, nickt unmerklich. Er drückt meine Hand, hält sie fest.

Wir waren uns körperlich selten nah, doch in seinen letzten Tagen, sucht er den Kontakt und ich kann ihm Zuneigung geben. Es ist schön, sich als Vater und Tochter so nahe sein zu können. Er konnte es im Leben kaum. Ich habe es als Kind oft vermisst. Jetzt tut es mir gut und ihm ebenso. Wir konnten uns nahe sein und ich konnte mich aussöhnen. Auf mich wirken lassen, wie sein Leben war – seine Ehe, habe ich doch erst vor Kurzem von den Problemen meiner Eltern erfahren. Ich weiß, er hatte es nicht einfach – er ist ein Grübler – genau wie ich einer bin.

Ich bin traurig, sehr. Obwohl ich weiß, dass seine Zeit mit 84 Jahren mehr als da ist. Obwohl ich weiß, dass er einen sanften Tod sterben wird.

Er ist mein Vater, der letzte Teil meiner Familie, zu dem ich engen Kontakt habe. Ich bin traurig, weil ich ihn nicht so lieben konnte, wie es in meinen Vorstellungen sein sollte.

Ich wollte die große Verantwortung nicht mehr tragen, es war mir zu schwer, habe mich beklagt, über die Einschränkung die ich habe, wegen der Sorge um meinen Vater. Und plötzlich, nimmt einem das Schicksal alles ab. Bestimmt den Weg, erfüllt den Wunsch nach Freiheit.

Wir konnten beide nicht ausdrücken, was wir füreinander empfinden, aber trotz aller Widerstände waren wir für den anderen da.

Sein Weg, ist auch ein Teil meines Weges. Ein Stück kann ich ihn noch begleiten und dafür sorgen, dass es ihm leichter fällt, den letzten Gang zu gehen.

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