…es bleibt im Fluss…

Nun ist es bald soweit, dass ich das erste Mal in meinem Leben, vehement durchgesetzt, alleine leben werde. Ich werde 47 Jahre und hatte stets Angst vor dem Alleinsein. Doch seit etwa 6 Monaten ist mir aufgefallen, dass es gut für mich ist allein zu sein. Das ich besser entspannen kann. Zur Ruhe komme. Ich möchte einfach keinen Kontakt zu Menschen haben müssen, es seie denn ich wähle sie freiwillig. Der Job erfordert schon ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und an Worten. Ich habe oft keine Lust mehr etwas zu sagen oder zu hören. Möchte einfach für mich sein, meine Gedanken ordnen.

Ich bin vergesslich geworden und fahrig. Weiß, dass wenn ich allein zur Ruhe komme und mich ohne die Einmischung Anderer aklimatisiere, ich wieder stabiler meinen Alltag bewältigen werde.

Es ist aber auch viel, dass manchmal das Leben so auffährt. Man glaubt, nun alles geregelt zu haben, schwupps kommt wieder irgendwas um die Ecke.

…Geheimnisse…

Mein Vater mittlerweile 84 Jahre alt berichtete neulich von seiner Frau, also meiner Mutter. Er hat vorher schon immer Andeutungen gemacht, dass sie nicht so war wie sie schien. Ich habe schon früh geglaubt, ich bin irgendwie falsch in dieser Familie, ich passe nicht dazu. Und nun, mit der Aussage meines Vaters, könnte das Gefühl der Wahrheit entsprechen. Ich bleibe das Kind meiner Mutter, aber meines Vaters???

Meine Mutter ist seit ihrer frühen Jugend Männern nicht abgeneigt gewesen. Sie ist vor und während der Ehe stetig fremd gegangen. Mein Vater wusste anfänglich davon nichts, hat es aber bereits sehr früh erfahren und geduldet, über 50 Jahre lang. Er war immer ein nachdenklicher Mensch, depressiv, unfair teilweise, seiner Frau und uns Kindern gegenüber. Er hatte nie eine Erklärung für sein Verhalten, wir haben es erdulden müssen.

Ich habe geglaubt, mein Vater wäre unreif und egoistisch. Stets habe ich meine Mutter bemitleidet, mir nicht vorstellen können, wie sie bei so einem Mann bleiben konnte. Nun wendet sich das Blatt. Jetzt frage ich mich, wieso um alles in der Welt hat mein Vater das mitgemacht? Was hat ihn bewegt? Liebe? Verantwortung? Selbstaufgabe? Angst?

Er ist durch das Verhalten meiner Mutter mehr als 1x bloßgestellt worden, sie hatte meist Affären mit Arbeitskollegen und meine Eltern haben teilweise zusammen in einem Betrieb gearbeitet. Er wusste häufig nichts von alledem, es ist ihm zugetragen worden. Oft musste meine Mutter deswegen die Arbeitsstellen wechseln.

Mein Vater fragt sich heute, warum er mir das erzählt hat? Es ist ihm unangenehm, er hat darüber nie gesprochen.

Er ist sich noch nicht einmal klar darüber ob sein ätester Sohn sein Sohn ist.

Er denkt viel nach, darüber sein Leben verschwendet zu haben, weil er geblieben ist. Sein Credo ist, wenn man heiratet, dann ist das für immer. Und nun mit 84 Jahren, prüft er sein Leben und was daraus hätte werden können.

Zu spät, etwas zu ändern, es bleibt ihm nur zu akzeptieren.

Ich bin mein ganzes Leben mit Selbstzweifeln gesegnet, nun weiß ich auch warum.

Mein Vater erzählte, er hat stets Angst gehabt, dass ich werde wie meine Mutter. Deswegen wahrscheinlich hat er mir sehr früh klar gemacht, dass andere Mädchen schöner sind als ich. Besser. Mich hat das sehr früh schon tief verletzt. Und bis heute sehe ich mit großem Unbehangen mein Antlitz im Spiegel an. Frage mich stets, reiche ich so wie ich bin? Bin ich gut genug? Was soll ich optimieren, nichts genügt. In Bezug auf mich selbst.

Auch dieses große Schweigen meiner Eltern über dieses Geheimnis, hat mich zu jemandem werden lassen, der scheu ist, der schwer Zutrauen fasst, tief drin immer ängstlich. Ich bin schnell beschämt, habe mich immer gefragt warum. Sexuell habe ich mir nie genügt. Mich immer geschämt überhaupt Sex zu haben. Mich auszuziehen, mich fallen zulassen – ein Problem.

Und nun, nach so langer Zeit bekomme ich die Antwort.

Ich glaube fest daran, dass Familiengeheimnisse eine Auswirkung auf das gefühlsmäßige Entwickeln von Kindern haben. Dass das Schweigen der Eltern, dem Kind unterbewusst etwas mitgeben. Etwas das nicht gut ist. Man fühlt als Erwachsener da ist etwas, erklären kann man es nicht.

Als meine Mutter meinem Vater ihre aufgeflogene „erste“ Affäre beichtete, erwähnte sie sexuelle Belästigung durch ihren Vater. Mein Vater ist skeptisch, ob sie es nur erfunden hat um sich zu schützen oder ob es wahr ist. Fakt ist, als ihm meine Mutter das erzählt hat, hat er seinen Schwiegervater darauf angesprochen, natürlich haben die Elternteile meiner Mutter geleugnet. Das Resultat war aber, das meine Eltern in den 50iger Jahren dann von den Eltern meiner Mutter vor die Tür gesetzt wurden. Harte Zeiten.

Mittlerweile kann ich die Stimmung meines Vaters gut verstehen. Man möge sich vorstellen, was das bedeutet. Noch nicht einmal verheiratet, die Verlobte geht fremd, nicht zu wissen ist das Kind, das sie trägt mein eigenes oder das eines fremden Mannes? Nicht zu wissen, ist der Frau die man liebt Gewalt angetan wurden, in der eigenen Familie? Die Sorge, wo soll man leben? Wie geht es weiter und dann festzustellen, es war kein Ausrutscher, die Frau macht immer so weiter. Ja, darüber kann man depressiv werden. Gesprochen haben meine Eltern untereinander nicht über die Affären. Sie haben einfach geschwiegen.

Das ist nun ein Teil meiner Lebensgeschichte, ich bin froh es zu wissen. Es erklärt mir, warum ich so bin wie ich bin. Zeigt mir endlich die Gründe meiner tiefen Selbstzweifel und das ich nicht an mir zweifeln muss. Sondern, dass meine Unsicherheit ein Teil einer unausgesprochenen Familiengeschichte ist.

Nun hat mein Vater sich den Arm gebrochen, ist mehr denn je auf Hilfe angewiesen. Er ist dankbar und offen für Veränderungen, die kommen müssen, damit er weiter zu Hause wohnen kann. Und ich glaube, er ist auch erleichtert, das Geheimnis, das er so lange für sich allein behielt, geteilt zu haben.

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