…ein neues Leben…

2 Jahre ist es her, dass der Tod mir etwas sehr Liebes und Wertvolles genommen hat.

Am 20.1.2018 um 18 Uhr hat er aufgehört, für diese Welt zu existieren.

Wir wussten schon beim Kennenlernen, dass wir keine Ewigkeit miteinander verbringen werden. Scheinbar hat diese Erkenntnis damals unser Leben nicht beeinflusst. Und dennoch tat sie es, unbewusst. 6 Jahre Zeit, 6 Jahre tiefe Gefühle und Intensität, die ich vorher so noch nicht kannte.

6 Jahre Unverständnis von Menschen die Krankheit und Behinderung nicht in ihrem Alltag wollten. Die sich nicht vorstellen konnten, was eine gesunde Frau mit „so einem“ will. Ein Helfersyndrom hat man mir unterstellt. Tod und Sterben gehört für viele nicht zum Leben. Und Liebe steht nur Gesunden zu. Und wie viele schwören, aus tiefer Überzeugung „in guten wie in schlechten Zeiten“ zueinander zu stehen.

Und ich, ich konnte nicht verstehen, wieso die anderen diesen tollen, klugen Menschen nicht sehen konnten und wollten. Nur weil er im Rollstuhl saß.

Haben beide ein ganz normales Leben gelebt. Bin weiterhin arbeiten gegangen, haben Freunde gehabt, wir sind in den Urlaub gefahren, haben Konzerte besucht, uns Galerien angeschaut. Viel geredet und philosophiert. Gelacht und gestritten, gelitten, uns geliebt und uns des Lebens gefreut. Habe meinen Partner gepflegt, rund um die Uhr. Er war in jeglicher Form von Unterstützung abhängig. Sein genialer Kopf saß auf einem völlig kaputten Körper.

Erst dieser Mensch konnte mir zeigen, zu was ich wirklich fähig bin. Hat mich ermutigt, ich zu sein und mich für nichts zu schämen, zu tun was ich möchte und an mich zu glauben.

Ihm konnte ich glauben, denn wenn nicht ihm, wem dann? Eine positive, optimistische Lebenseinstellung, ein hohes Maß an Toleranz und Leidensfähigkeit, Offenheit und Kampfgeist gehörten zu seinem Leben, waren sein Weg. Nicht nur mich, konnte er damit beeindrucken. Er war authentisch.

Mit seinem Tod, brach diese Welt zusammen. Ich war für ihn Hände und Füße, er war für mich mein Halt.

Ich konnte nicht mehr glauben, das ich für diese Welt noch tauge. All das Positive, dass er mir gegeben hat, war weg.

Auf fast 2 Jahre ohne Sinn, ohne Qualität in meinem Leben, blicke ich nun zurück. Ich funktionierte und habe darauf gewartet, auch gehen zu können – zu ihm. 2 Wochen nach seinem Tod fing ich Vollzeit wieder zu arbeiten an. Und weil ich nicht ständig weinte, glaubte man, es sei nun alles wieder gut.

Das nichts gut war, sahen nur sehr sehr wenige.

Wie auch, ich sprach nicht darüber. Mit Worten wie „er war ja krank, du wusstest doch, dass er sterben würde“, brachten sie mich zum Schweigen. Was soll man darauf sagen? Ist es deswegen einfacher? Normaler? Was sollten diese Worte von Menschen, die solch einen Verlust noch nicht erlebt hatten?

Die Welt dreht sich weiter. 🌍

Für mich aber blieb sie stehen. Es ging mir schlecht, ich war zu Tode betrübt, allein und fühlte mich betäubt. Betrogen – von der grausamen Welt. Wütend – dass es mich so aus der Bahn warf. Hilflos – all diesen unguten Gefühlen ausgesetzt. Gerne hätte ich dieser Qual ein Ende bereitet, doch irgendwas in mir, ließ das nicht zu.

Mein Gedanke war damals stets “ wie kann ich glücklich sein, wenn er tot ist?“ Wie soll ich das aushalten?

Ich lebe wieder in einer Partnerschaft, ich kann nicht gut alleine sein. Ohne Partner, hätte ich es nicht geschafft. Unendlich dankbar bin ich meinem Mann dafür, dass er mich und diese bedrückenden Situationen ausgehalten hat, diese tiefe Depression, meine unbändige Wut aufs Leben, meine Sehnsucht nach dem Tod. Meine Unfähigkeit andere in mein Leben zu lassen. Kein Vertrauen mehr zu haben.

Meine Liebe und meine Gedanken waren bei meinem toten Partner, sehr sehr selten bei anderen.

Heute, nach einer Auszeit im Job, nach Reduzierung der Arbeitszeit. Nach der Erkenntnis, dass nichts mehr wie vorher ist und wird. Nach vielen trüben Stunden, vielen Gesprächen und unendlich vielen Tränen, erkenne ich, dass ich nun ein anderer Mensch geworden bin. Der Tod war ganz nah bei mir, ich habe ihm die Hand reichen können, habe in sein Antlitz geschaut und ihn in mein Herz gelassen. Musste ihm übergeben, was mir unendlich wichtig war. Zu akzeptieren, dass es gut und richtig ist, war und ist schwer. Zu begreifen, dass ich nach seinem Tod leben darf, glücklich – hat mir den Weg zurück ins Leben gebracht.

Nicht einfach so, nein, so einfach geht nichts mehr. Das Leben ist heute mühsamer geworden, überlegter, emotionaler. Aber wer will mir das verübeln?

Langsam finde ich mich selbst wieder, setze mich Stück für Stück neu zusammen, suche meinen Lebenssinn.

Nach so langer Zeit scheint für mich wieder die ☀️ und ist nicht nur einfach da. Langsam lichtet sich das Dunkel und ich freue mich wieder auf den Frühling, die Wärme, die Blumen.

Ich vermisse ihn, jeden Tag. Kein Tag vergeht, ohne Gedanken an unsere Zeit.

Ein Leben ohne ihn schien mir unmöglich, bis ich begriffen habe, ich lebe nicht ohne ihn – er ist und bleibt ein Teil von mir.

Die Zeit heilt keine Wunden, man lernt mit dem Schmerz zu leben, ihm eine andere Bedeutung zu geben.

Ich danke meinem Mann ❤, ohne ihn wäre ich nicht an diesem Punkt. Und ich danke Olli 🖤, dass er mir das Leben gezeigt hat, auf eine Weise die einzigartig ist.

In tiefer Liebe für beiden Männer, die mir immer zur Seite standen und stehen. Und in Trauer, dass ich den einen gehen lassen musste und für den anderen nicht die Frau sein kann, die ich gerne wäre.